Im ersten Teil des Artikels habe ich ein Plädoyer für die automatisierte Vogelperspektive gehalten.
Nicht: “Ich verschaffe mir einen Überblick”, sondern “Der Überblick kommt zu mir”.
Nicht: “Die Vorzimmerdame stellt mir morgens die Presseclippings zusammen” – ich habe leider keine, also Vorzimmerdame meine ich
-, sondern: “Fleißige elektrische Bienchen bereiten mir die Neuigkeiten, die mich interessieren, permanent auf”. So wie es sich für Informationsarbeiter gehört.
Im zweiten Teil versuche ich nun etwas mehr ins Konkrete abzugleiten.
Informationsquellen
Welcher Art sind eigentlich die Quellen, aus denen wir unsere virtuelle Morgenzeitung beziehen?
Ganz grob könnte man da folgende Beispiele nennen:
- Blogs zu Themen, die uns interessieren,
- Grundlagenartikel zu diesen Themen (die werden meist sehr schnell in der Blogosphäre aufgegriffen),
- Tweets der Personen, denen wir folgen,
- Status-Updates unserer Netzwerk-Partner im sozialen Graphen (ich versuche hier das Wort “Freunde” vielleicht etwas krampfhaft zu vermeiden; es sind ja nicht alles echte Freunde),
- Lesezeichen, die bestimmte Personen bei Diensten wie Delicious oder Mister Wong setzen,
- Fotos bestimmter Personen bei Flickr,
- Postings aus relevanten Foren, Mailinglisten usw.
Feed-Aggregation
Die “virtuelle Morgenzeitung” erfordert nun das Anzapfen, Verarbeiten und Zusammenführen dieser Quellen. Schließlich wollen wir ja nicht von Seite zu Seite stolpern, um von Hand nachzusehen, ob es dort etwas Neues gibt, sondern möglichst wenige verschiedene Aufrufe bzw. Applikationen benutzen. Wir sprechen also über Aggregation.
Viele der Quellen machen einem das Anzapfen bewusst leicht, indem sie einen RSS-Feed zur Verfügung stellen. Das ist die einfachste Möglichkeit: ab in den Feedreader damit und fertig. Feedreader gibt es wie Sand am Meer für jede verfügbare Plattform.
Digitale Nomaden möchten vielleicht lieber webbasierte Feedreader nutzen. Hier stehen gehostete Dienste wie Netvibes, Pageflakes oder iGoogle zur Verfügung. Wer lieber die vollständige Kontrolle behält, kann seinen Feedreader auch selbst hosten. Über eine solche Lösung hatte ich selbst vor einiger Zeit auch schon einmal geschrieben.
Weitergehende Filter-Kunststückchen
Feeds passen gut, wenn man Wert darauf legt, Einträge aus bestimmten Quellen nicht zu verpassen. Was aber, wenn man nicht quellenbezogen, sondern themenbezogen auf dem Laufenden gehalten werden möchte? So, als würde man im Hintergrund eine permanente Google-Suche nach Neuigkeiten zum Thema XY absetzen?
Google Alerts wäre eine Idee, ist aber in der Praxis zu lahm und erwischt bei weitem nicht alle relevanten Erwähnungen. Eine Kombination von Google Blogsearch, Google News, Twitter, Yahoo Search und Bloglines wäre vielleicht umfassender?
Hierfür müsste man all diese Dienste abfragen, die Ergebnisse zusammenführen, von Duplikaten bereinigen und vielleicht noch chronologisch sortieren.
Klingt schwierig, ist es aber nicht: Mit Diensten wie etwa Yahoo Pipes lässt sich all das bewerkstelligen, ohne etwas programmieren zu müssen. Sogar Websites, die keinen Feed ausgeben, können damit “behandelt” werden.
Für das Monitoring auf bestimmte Begriffe bieten sich außerdem Services wie socialmention.com an. Aber Social Media Monitoring ist noch einmal ein ganz eigenes Thema für sich und würde den Rahmen dieses Artikels bei weitem sprengen.
Somit sind wir bei einem kleinen Setup angelangt, das uns schon einmal einen Teil der virtuellen Morgenzeitung zusammenstellt:
Feeds und andere Quellen kommen zum Teil direkt, zum Teil gefiltert und aggregiert in unseren Feedreader. Hierfür betreiben wir Informationsarbeiter einmalig einen gewissen Initialaufwand und können uns dafür in Zukunft hübsch zurücklehnen.
Social Media Cockpit
Etwas anders verhält sich das Ganze bei sozialen Plattformen. Viele davon stellen zwar auch den Activity-Stream eines Nutzers sowie andere Dinge als Feed zur Verfügung, aber ausgerechnet das größte Netzwerk (Facebook) tut dies bewusst nicht mehr. Man will die User auf der eigenen Plattform halten. Zugang zum Activity Stream gibt es hier nur über die Facebook-API.
Außerdem gibt es im Bereich Social Media ja einen gänzlich anderen Use-Case: Nicht nur konsumieren, sondern interagieren. Der Feedreader ist hier mit seiner Einbahnstraßen-Kommunikation als Schaltzentrale ungeeignet. Ein “Social Media Cockpit” hingegen kann idealerweise die Aktivitäten aus verschiedenen sozialen Plattformen zusammenführen und umgekehrt auch das direkte Posten von (Re-)Tweets, Kommentaren, Status-Updates und dergleichen ermöglichen.
Solche Anwendungen gibt es immer häufiger, ob als gehosteten Dienst, Desktop-Applikation, Browser-Plugin oder App fürs Smartphone – Tweetdeck, Hootsuite, Yoono und wie sie alle heißen.
Oft steht Twitter hierbei noch im Vordergrund, da das der erste soziale Dienst mit ausgeprägtem Geek-Appeal war, mittlerweile können viele dieser Anwendungen aber auch Facebook, YouTube, LinkedIn und andere Plattformen anbinden. Diese Applikationslandschaft ist in ständiger Bewegung, da die Plattformen und ihre APIs sich auch sehr schnell verändern.
So, das ist mein momentanes Zwei-Komponenten-Gerüst für die “virtuelle Morgenzeitung”. Und nun bin ich neugierig, was Ihr für Setups habt. Wie haltet Ihr Euch auf dem Laufenden? Welche Mechanismen habt Ihr ausgetüftelt?



Sehr schöner Artikel! Interessant wird das Konzept eines “Social Media Cockpit” auch, wenn man es von den Interessen einer Einzelperson hin zu einem themen- und/oder firmenbezogenen Ansatz weiterdenkt. Dirk hat zu diesem Thema vor einiger Zeit zwei interessante Artikel rund um das Thema geschrieben und das Kind “Communityhub” getauft:
- http://dirk.songuer.de/2010/01/17/community-management-2010/
- http://dirk.songuer.de/2010/05/01/communityhubs-revisited/
Was mich persönlich generell stört: Eigentlich geht um die Strukturierung von Inhalten, beschäftigen müssen wir uns zu großen Teilen aber mit technischen Fragen: Welches Tool nutze ich? Wie konfiguriere ich es? Was ist mit Updates? Wann werden neue Dienste eingebunden? Entweder habe ich persönlich etwas verpasst oder es gibt einfach (immer noch) keinen Dienst, der mir eine wirklich Fokussierung auf die eigentliche Problematik “Kommunikationsflut” erlaubt…
Schuldig, Euer Ehren! Dieser Teil des Artikels ist tatsächlich in Teilen tool-orientiert, aus drei Gründen:
1. weil ich hier bewusst konkreter werden wollte
2. weil ich wissen wollte, wie andere vorgehen und welche Instrumente sie einsetzen,
3. weil die ewige “analysis paralysis” auch nirgendwo hinführt und ich eher so gestrickt bin, mit den verfügbaren Mitteln tatsächlich etwas zu machen. Im Sinne von Tun. Ergebnisse haben. Jetzt. Auch wenn es DEN idealen Dienst in der Tat noch nicht gibt.
Insofern ist dieser Artikel eher ein persönlicher Erfahrungsbericht und ein Anreißen möglicher Strategien plus denkbarer Tools. Ja, damit müssen wir uns auseinandersetzen. Daran scheitern auch weniger technik-affine Menschen leider.
Der angesprochene Community Hub ist ein sehr interessantes Konzept, aber als “Dienstleistung” bzw. “Protokoll”, wie Dirk schreibt, so lange abstrakt, bis sich jemand tatsächlich mal der Umsetzung annimmt und von der Theorie auf eine leicht verständliche und gut bedienbare, stabile technische Plattform überführt. Derjenige darf sich meiner uneingeschränkten Begeisterung versichert fühlen.
Die Bedürfnisse des Informationsarbeiters existieren aber jetzt und heute schon, und die versuche ich pragmatisch zu befriedigen. Mit Tools eben.
Dass wir dabei auf keinen Fall aufhören dürfen, viel weitergehende Visionen zu haben und Konzepte zu diskutieren, ist selbstverständlich.
Danke für den Kommentar!
Viele Grüße,
Klaus
@Klaus: Meine (leichte) Kritik war nicht auf deinen Artikel gemünzt, sondern viel mehr auf leidigen Umstand, dass hier bisher leider kein Anbieter eine einfache und durchgehend praxistaugliche Lösung geschaffen hat.
So lange es diesen Zustand gibt, so lange sind konkrete Workarounds technischer Natur notwendig und hilfreich. Also “Daumen hoch” für deinen Erfahrungsbericht und eine weitere Hausaufgabe für die zahlreichen Anbieter, weiter an sinnvollen Lösungen und Standards zu arbeiten…
Ich benutze eine Mischung aus Twitter, facebook und netvibes sowie paper.li und twittertim.es. Es klappt gut so, allerdings ist meine Neugier immens, was es dann nicht wirklich zeitsparend macht …
Ich setze konsequent auf Quellen und dort auf die 20 Prozent, von denen ich glaube, dass sie Qualität liefern. Ich bin großer Fan des Pareto-Prinzips und habe den Eindruck, dass die Fokusierung auf bestimmte Quellen der entscheidende Schritt für einen optimalen Informations-Output darstellt.
Als eiziges Tool beschränke ich mich daher auf den Google Reader.
Daneben folge ich einigen wenige Menschen, die mich inspirieren, auf Twitter oder auf Xing und kenne ein paar Websites, die ich immer wieder mal aufsuche.
Ich glaube, kein Tool wirkt so gut als Aggregator wie Webpersönlichkeiten, die kraft Ihrer Person besser filtern als jede Maschine.
Aber ich muss auch gestehen, dass ich nicht der beste Informationsverarbeiter bin, also schlicht nicht sehr viele Informationen aufnehmen kann. Umso wichtiger, dass ich so schnell wie möglich die Spreu vom Weizen trenne.
Hallo Markus,
Deine Einstellung in puncto Quellen kann ich nachvollziehen … aber das mit einer Plattform gleichzusetzen (RSS / Google Reader), wäre ich vorsichtig. Der Horizont erweitert sich manchmal schneller als man denkt.
Die Spreu vom Weizen zu trennen ist wirklich sehr wichtig.
Viele Grüße,
Klaus