GPL-Fanatismus bei Joomla siegt über Vertrauen und Vernunft

Joomla und die GPL: Nun geht es also doch gegen die kommerziellen Entwickler.

Man muss sich das noch einmal auf der Zunge zergehen lassen. Das Core-Team hat zu Zeiten von Mambo und später bei Joomla kommerzielle Entwickler ausdrücklich eingeladen, ihre Extensions unter beliebiger Lizenz zu veröffentlichen, ohne an die GPL gebunden zu sein. Diese kommerziellen Entwickler haben sich darauf eingelassen, Existenzen gegründet, Extensions veröffentlicht (oft neben den kommerziellen auch weitere hilfreiche freie).

Nun bestand die Chance, mit dem Release von Joomla 1.5 – das vielleicht doch noch irgendwann erscheint – die rechtliche Situation zu klären (ich hatte berichtet) und zum Beispiel auf die LGPL zu wechseln, um Rechtssicherheit für die kommerziellen Entwickler zu schaffen.

Man hatte zu einer großen Diskussion eingeladen, im Joomla-Forum gibt es dazu den wahrscheinlich längsten Thread der Welt – dabei scheint das Core-Team seine Meinung schon im voraus gefasst zu haben. Alle Einwände fruchteten nichts, Joomla 1.5 wird unter der GPL veröffentlicht werden, und man wird künftig den Entwicklern von Drittkomponenten vorschreiben, dass sie ihre Extensions unter der GPL zu veröffentlichen haben.

Unabhängig von allen rechtlichen Aspekten ist das ein Vertrauensbruch erster Güte, der dem derzeitigen Core-Team wirklich keinen Ruhm einbringt.

Kurz zuvor hatte neben Rey Gigataras auch – wenig überraschend – Emir Sakic das Core-Team verlassen: er vertreibt die kommerzielle Komponente SEF Advance.

Und ein weiterer prominenter Rücktritt ist zu beklagen: Marko Schmuck, der offenbar Pläne für kommerzielle Aktivitäten hatte, ist ebenfalls aus dem Core-Team ausgeschieden und sagt auch laut und deutlich, dass neben Zeitmangel seine Unzufriedenheit mit der Projektleitung dafür ausschlaggebend war.

(Schade allerdings, dass Marko in diesem Zuge gleich seine Projektseite eingestampft hat und unter anderem auch der kompletten Code seiner SEF-Komponente OpenSEF von joomlacode.org entfernt wurde. Das ist wahrlich nicht der Open-Source-Geist. Unter dem Namen NuSEF hat Chris Davenport das letzte verfügbare Release von OpenSEF "gerettet", aber die Arbeit an der kommenden Version, die auch einen von joomlatwork.com beigesteuerten Caching-Mechanismus beinhalten sollte, scheint nun endgültig umsonst gewesen zu sein. Dies dürfte für das einst fantastische OpenSEF einen unrühmlichen Tod bedeuten.)

Unter http://www.jcd-a.org/ versammeln sich mittlerweile die von Joomla maßlos enttäuschten kommerziellen Entwickler. Ob sie dort etwas ausrichten können, scheint auf Dauer fraglich. Einige wie Barrie North oder Azrul führen derzeit E-Mail-Aktionen unter ihren Kunden durch, mit denen sie noch einmal versuchen, das Ruder herumzureißen. Die ersten Entwickler haben bereits angekündigt, die Weiterentwicklung ihrer Produkte für Joomla einzustellen. Eine sehr lesenswerte Zusammenfassung aus der Sicht eines kommerziellen Entwicklers findet sich hier: http://jcd-a.org/component/option,com_smf/Itemid,28/topic,100.0/

Offenbar ist der derzeitigen Projektleitung von Joomla eines nicht klar: Dass die Extensions einen Großteil des Werts von Joomla ausmachen, und darunter eben auch etliche kommerzielle Extensions. Meine Prognose, dass Joomla durch die jetzige GPL-Hysterie Schaden nehmen wird, steht nach wie vor. Lasst uns in ein paar Monaten versuchen, eine Bilanz zu ziehen.

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