
Die finale Version von Joomla 1.5 ist nach über zwei Jahren Entwicklungszeit nun letzte Woche freigegeben worden. Zeit für einen näheren Blick auf das, was sich für Anwender des beliebten Content Management Systems nun tatsächlich und sichtbar in der Praxis ändert.
Durch die lange Zeit, die an der neuen Version gearbeitet wurde, und durch den ausgesprochenen Marketing-Hype, den das Joomla-Projekt betreibt, sind die Erwartungen entsprechend hoch, dass nun viele der lange bestehenden Kritikpunkte behoben wurden. Das ist jedoch nicht überall der Fall.
Wir schauen einmal aus Anwendersicht auf die Neuerungen.
FTP-Layer
Ein ewiger Quell für Ärger und Probleme war bislang das Zusammenspiel von Joomla mit dem "Safe Mode" von PHP. Auf Servern mit entsprechender Einstellung scheiterte die Installation oft – und selbst wenn sie gelang, hatte man im laufenden Betrieb nicht gerade viel Freude, z.B. bei der Installation von Templates oder Extensions.
Dem soll nun eine neue Funktionalität abhelfen: Durch einen Trick kann Joomla nun auch auf Servern mit dem Safe Mode vernünftig laufen, indem es einen FTP-Client emuliert. Bei der Installation – oder auch später im Administrationsbereich – kann man seine FTP-Zugangsdaten eintragen.
Auch das sogenannte "wwwrun-Problem" (oder besser: Permission-Problem) wird dadurch umgangen. Dadurch, dass Joomla bei der Installation von Extensions mit den Rechten des Webservers Verzeichnisse und Dateien anlegt, hatte man früher beim Zugriff mit FTP – je nach Serverkonfiguration – oft keine Rechte auf diese Dateien, konnte sie also z.B. nicht bearbeiten oder löschen. Das sollte mit dem FTP-Layer nun auch der Vergangenheit angehören.
Erste Rückmeldungen von Usern besagen allerdings, dass auch der FTP-Layer – abhängig von der Servereinstellung – in manchen Konstellationen nicht funktioniert. Hier hilft dann nur direkte Rücksprache mit dem Hosting-Provider.
Mehrsprachigkeit
Von vielen Anwendern im nicht-englischen Sprachraum lange ersehnt, sind die Sprachkonstanten, die bei der Installation und im Administrationsbereich verwendet werden, nun endlich in eigene Dateien ausgelagert und können somit für jede Sprache angepasst werden. Damit haben auch User, die des Englischen nicht mächtig sind, die Möglichkeit, Joomla in ihrer Sprache zu administrieren.
Deutsche Sprachdateien finden sich hier oder gleich im komplett eingedeutschten Joomla-Paket hier.
Benutzerrechte
Oft bei Joomla bemängelt wurde die unflexible Berechtigungsstruktur für Redakteure und Frontend-Benutzer. Hier hat sich in der neuen Version 1.5 leider noch nichts geändert. Eine bessere Verwaltung der Benutzerrechte steht erst für künftige Versionen auf der Agenda.
Content-Struktur
Auch dies ist ein ewiger Kritikpunkt: Die rigide Struktur "Section / Category / Item" zwängt Redakteure in ein altertümliches, statisches System zur Verwaltung ihrer Inhalte. Anders als Systeme wie Drupal oder WordPress, die seit vielen Jahren mit Konzepten wie Taxonomie oder Mehrfachkategorien punkten, bleibt bei Joomla vorerst alles beim alten.
Templates
Unter vielen Designern sorgt Joomla seit langem für höhnische Bemerkungen darüber, dass die Ausgabe des Content in Form von HTML-Tabellen erfolgt. Auch bei einem rein mit CSS-Elementen gefertigten Template ist das so, denn der Core spuckt die Inhalte in Form von Tabellensuppe in das Template.
Wer ein Joomla 1.5 frisch installiert und sich dem Standard-Template "rhuk_milkyway" von Andy Miller gegenübersieht, staunt nicht schlecht: Auch in der neuen Version springen einem die geächteten Tabellen entgegen. Der Core hat diesbezüglich nichts dazugelernt.
Allerdings gibt es eine Möglichkeit, doch noch zum gewünschten Ergebnis zu kommen, und das zeigt das zweite beigelegte Template "Beez" von Angie Radtke und Robert Deutz. Mittels sogenannter "Template Overrides" kann der Template-Designer selbst die Ausgabe der Inhalte beeinflussen, und zwar nicht nur für die Core-Inhalte, sondern auch für beliebige Extensions. Dazu müssen im Unterverzeichnis "html" des Templates entsprechende PHP-Dateien abgelegt werden, die dann statt der originalen Dateien von Joomla verwendet werden, um die Inhalte zu rendern. Damit ist endlich auch die Realisierung barrierearmer Websites möglich.
Insgesamt verkompliziert sich die Erstellung anspruchsvoller Templates durch dieses Konzept jedoch erheblich. Ohne tiefergreifende Programmierkenntnisse in PHP und Joomla kann man diesen Weg getrost vergessen.
Suchmaschinenfreundlichkeit
Dieses Thema wurde bei den Core-Entwicklern lange Zeit vernachlässigt. Es ist nun bei Joomla 1.5 zwar verbessert worden, jedoch immer noch auf halbem Wege steckengeblieben. Die Suchmaschinenfreundlichkeit der URLs wurde stark optimiert – so kann man nun endlich Keyword-URLs generieren -, aber durch das ItemID-Konzept, das sich nahezu unverändert in die neue Version durchzieht, kommt es immer noch zu Duplicate Content, da ItemIDs auch in der URL auftauchen und somit für ein und denselben Content immer noch mehrere URLs erzeugt werden.
Abhilfe war in Joomla 1.0.x nur durch Einsatz einer Extension wie sh404SEF möglich, und auch in Joomla 1.5 bedarf es weiterhin solcher Nachhilfe. Die gute Nachricht ist, dass der Nachfolger von OpenSEF kurz vor der Veröffentlichung steht: Unter dem Namen SmartSEF wird es für Joomla 1.5 schon bald eine leistungsfähige SEO-Extension geben.
Aus der gleichen Schmiede stammt der SEO-Patch, mit dem sehr dedizierte Vorgaben für die Meta-Angaben gemacht werden können. Auch diese Funktionalität findet sich (noch) nicht in Joomla 1.5 und muss mit dem Patch nachgerüstet werden.
Legacy-Modus
Enorm viel Arbeit wurde darauf verwendet, Joomla 1.5 abwärtskompatibel zu halten. Um alte Extensions und Templates weiter nutzen zu können, wurde mit erheblichem Aufwand der sogenannte "Legacy Mode" eingeführt, mit dem es – zumindest theoretisch – möglich ist, unbedingt benötigte Komponenten weiter zu betreiben, auch wenn diese noch nicht für Joomla 1.5 angepasst wurden.
Das funktioniert jedoch nicht in allen Fällen, da keine hundertprozentige Kompatibilität erreicht wurde. Zudem führt das Einschalten des Legacy-Modus zu erheblich höherem Speicherbedarf und schlechterer Performance.
Hier ist das Entwicklerteam einen Weg gegangen, der sicherlich kritisch diskutiert werden darf. Einerseits ist verständlich, dass man die Vielzahl der für die Version 1.0.x erhältlichen Extensions weiter nutzbar halten wollte. Andererseits aber schleppt das System dadurch noch sehr viele Unschönheiten und Notlösungen aus der früheren Version mit sich herum.
Migrieren oder nicht?
Anders als beim Update einer Minor-Version, z.B. 1.0.12 auf 1.0.13, ist es nicht möglich, eine bestehende Joomla-Installation auf dem gewohnten Update-Weg auf den neuen Stand zu bringen. Zuviel hat sich geändert. Der nicht ganz triviale Weg der Migration ist hier beschrieben. Dabei ist zu beachten, dass nur Core-Inhalte übertragen werden und die Site ansonsten im Grunde komplett neu aufgesetzt werden muss. (Das Ausprobieren dieser Vorgehensweise an einem Live-System wird definitiv nicht empfohlen!)
Idealkandidaten für eine solche Migration sind content-lastige Sites, die kaum zusätzliche Extensions einsetzen. Wer hingegen Komponenten wie den Community Builder, mosets Tree oder andere benötigt, sollte noch eine ganze Weile abwarten, ob und wann diese Komponenten in einer 1.5-fähigen Version erscheinen.
Angesichts der Fülle von Extensions, die für Joomla 1.0.x erhältlich sind, aber inkompatibel zu Joomla 1.5 sind, gibt es derzeit keinen Grund, eine bereits laufende Website umzustellen. Das Verhältnis wird sich natürlich verschieben – wie schnell der Markt mit nativen 1.5-Extensions gesättigt sein wird, bleibt abzuwarten, zumal die Entwickler nun auf eine neue API umlernen müssen. Eines ist klar: Das Bedürfnis der Anwender wird nun eine entsprechende Sogwirkung in Richtung 1.5 auslösen.
Fazit
In Joomla 1.5 steckt sehr viel Entwicklungsarbeit. Vieles davon zeigt sich aber nur unter der Oberfläche; der direkte Nutzwert für Anwender hat sich nur bedingt erhöht, zumal einige langjährige Ärgernisse immer noch nicht abgeworfen wurden.
Mir persönlich wäre ein klarer Schnitt lieber gewesen: Ein komplett neues Framework auf Basis von PHP5, das allen alten Ballast über Bord wirft, sich nicht um Kompatibilität kümmert, sondern neue Perspektiven aufzeigt, hätte für eine sehr viel klarere Zukunftsvision gesorgt als das jetzige Mischmasch. Leider kann die Version 1.5 die hohen Erwartungen, die insbesondere auch vom Entwicklerteam selbst immer wieder geschürt wurden, nicht in allen Punkten erfüllen – wichtige Neuerungen können wohl erst bei weiteren Versionssprüngen erwartet werden.
Einen Grund, bestehende 1.0.x-Sites mit auf die neue Version umzustellen, sehe ich im Augenblick nicht. Eine neue Website dagegen kann man durchaus mit 1.5 aufsetzen, sofern man mit der Kernfunktionalität auskommt und sich bewusst ist, dass wirkliche Stabilität mit diesem Release noch nicht erreicht ist.
Update 01.02.2008:
SmartSEF (Link siehe oben) ist jetzt in einer ersten Version verfügbar.

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