Ich bin Informationsarbeiter in einem Informationsberuf, der sich um das Web dreht. Mein Job ist es, informiert zu sein. Mein Job ist es außerdem, zu kommunizieren. Mit den verschiedensten Zielgruppen: Menschen, die von mir etwas gelöst haben möchten. Menschen, mit denen ich gemeinsam an etwas arbeite. Menschen, mit denen man sensationell kreative Diskussionen führen kann. Menschen, die mir etwas sagen, was ich noch nicht wusste. Menschen, denen ich durch meine Erfahrung helfen kann.
Das Informiert-Sein ist meistens Voraussetzung dafür, diese Gespräche sinnvoll führen zu können. Wie könnte ich zum Beispiel mit jemandem produktiv über die aktuellen Social-Media-Trends sprechen, wenn ich sie gar nicht kenne?
Das träge Zeitalter der Zeitungen ist vorbei, auch wenn “unzweinullige Menschen” das vielleicht noch nicht so sehen. Ja, das Lesen des Feuilletons und fundierter Hintergrundinformationen hat natürlich immer noch seine Berechtigung. Es hilft dabei, sich gelegentlich etwas zurückzunehmen und mal wieder die Vogelperspektive einzunehmen, sich über die großen Zusammenhänge klar zu werden. Aber wenn es um das Medium geht, in dem wir arbeiten, haben traditionelle Medien eine viel zu geringe Frequenz. Wir sind nämlich schon mittendrin im Realtime-Netz. Pusubhubbub lässt grüßen.
Die Weisheit der Masse ist ein Phänomen, das überhaupt nur online und mit den Informationstechnologien, die sich heutzutage immer schneller entwickeln, in dieser Form stattfinden kann. Menschen reden online über alle erdenklichen Themen. Manche oberflächlich, manche mit Expertenwissen, manche negativ, positiv, alle Facetten sind vertreten. Und natürlich passieren die Gespräche über genau die Themen, die uns Informationsarbeiter bewegen, online. Oder wer will allen Ernstes Einzelheiten über die neueste pfiffige Verknüpfung mehrerer APIs zu einem genialen Mashup in irgendeiner Print-Publikation nachlesen, acht Wochen nachdem dieses Mashup veröffentlicht wurde und alle Welt schon in hellem Aufruhr darüber ist?
Das ist das Feld, in dem wir Informationsarbeiter uns bewegen. Wir tragen unsere Informationen online zusammen und diskutieren sie sowohl online, indem wir darüber bloggen und twittern, aber auch offline, indem wir uns zum Beispiel mit den Kollegen zusammen einen Kaffee holen und über die denkbaren Implikationen sprechen. Wir müssen diese Kollegen aber in der Regel nicht erst von Adam und Eva an in das Thema einführen, weil sie uns schon auf Twitter gefolgt sind, oder unseren Blogeintrag zum Thema gelesen und schon kommentiert haben. Sie sind bereits mittendrin.
Unzweinullige Menschen, die mein Blog lesen oder meine Aktivitäten in sozialen Netzwerken verfolgen, haben mich manchmal tatsächlich schon gefragt: “Klaus, surfst du eigentlich den ganzen Tag im Internet, oder woher kommt das, dass du so viele Infos postest?”
Den ganzen Tag surfen? Gott bewahre. Dazu bin ich viel zu sehr ein Effizienz-Junkie. Zielloses Herumgesurfe ist nicht effizient – es ist ein Zeichen von Prokrastination und davon, dass man nicht weiß, was man mit seiner Zeit Besseres anfangen soll. Böse. Böse.
Was diese Menschen offenbar noch nicht erfahren haben, ist, dass das heutige Web nicht mehr das Web der neunziger Jahre ist. Damals konnte man tatsächlich nur “surfen” – also über die vorgegebenen Links von Seite zu Seite hüpfen -, es gab noch keine Suchmaschinen, man war ziemlich ziellos unterwegs. Damals war das zweifellos ganz irre. Ich erinnere mich noch gut, wie ich Anfang 1993 (da stand das Web kurz vor der Freigabe für kommerzielle Zwecke) im Rahmen meiner ersten Internet-Erfahrungen völlig begeistert war, dass ich von einer amerikanischen Hochschulseite per Link plötzlich auf einer japanischen Universität gelandet war, die Einzelheiten zu ihren astronomischen Forschungsgebieten veröffentlichte. Wahnsinn, Japan! Die Globalisierung hat so einen Geruch nach Aufbruch und Abenteuer! (Und meine Telefonrechnung machte dank eines langsamen 2400-Baud-Modems ebenfalls einen Quantensprung.)
Informationsarbeiter gehen heute nicht mehr so vor. Wir haben begriffen, dass es inzwischen Möglichkeiten gibt, wie wir an die Informationen kommen, ohne ständig hier- und dorthin surfen zu müssen. Wir lassen sie uns nämlich frei Haus liefern.
Mit Feed-Readern, Aggregatoren und allerlei anderen Instrumenten sorgen wir dafür, dass das prokrastinierende Herumgesurfe ein Ende hat. Wir definieren, was uns interessiert, und bekommen dann genau diese Themen, nach unseren Vorlieben gefiltert, aktiv von wundersamen Automatismen auf unseren Desktop oder in unseren Browser geschoben. Und das ist Effizienz. So bleiben wir informiert, so verteilen wir schnell Informationen weiter, und so sind wir sofort im Gespräch über die neuesten Entwicklungen.
Wie ich das für mich genau nutze, schreibe ich im zweiten Teil. Weil, heute abend bin ich müde, und nicht mehr effizient genug. Ich wünsche allen Informationsarbeitern ein erholsames Wochenende mit ausreichend Offline-Zeit und vielleicht auch dem einen oder anderen guten Zeitungsartikel.
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